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Anke Richter

 

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Rundbrief – Forum für Mitglieder und Freunde des Pazifik-Netzwerkes e.V.

 Die drei das heutige Tokelau bildenden Inseln sind zusammen nur 12 qkm groß und liegen drei Schiffsreise-Tage nördlich von Samoa. Auf Atafu, dem nörd­lichsten der drei Atolle, arbeitet der Ehemann der Journalistin Anke Richter sieben Monate lang als Inselarzt. Zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn sind die drei die einzigen Ausländer in der etwa 500 Menschen umfassenden Inselgemeinschaft. Polynesier und „Palagi“ kochen, tanzen, fischen und beten zusammen. Geld und Konsum spielen keine Rolle, im genossenschaftlich betriebenen Inselladen gehen regelmäßig die Vorräte aus, das Schiff kommt nur alle vier Wochen, eine Flugverbindung gibt es nicht.

Die Autorin öffnet sich für alle neuen Eindrücke in der selbstgewählten Isolation und hält ihren - von manchen Außenstehenden vielleicht als „eintönig“ empfundenen - Alltag sehr lebendig und ausdrucksstark in ihrem Buch fest, selbst in Kleinigkeiten (sieht aus wie ein weichgekochter Holzscheit und schmeckt auch so --- Taro!). In diese Alltagsschilderungen eingewoben ist die wechselvolle Geschichte der Inselbewohner seit ih­rem ersten europäischen Kontakt, der Raub fast aller Männer durch Sklavenfänger. Der Bevölkerungs­rückgang durch eingeschleppte Krankheiten, die Kolonialgeschichte, die Zerstörung durch Wirbelstürme. ­Manches aus Anke Richters Beschreibungen kennen wir von anderen pazifischen Inseln, wie die Ruinen von übergestülpten Entwicklungshilfeprojekten, das System der Kirchensteuer-Eintreibung durch öf­fentliches Vorlesen der „Spender“ (das in Samoa zur Perfektion gebracht wurde), den Respekt vor der Weisheit des Alters oder auch den übermäßigen Zucker- und Actionvideo-Konsum. 

Andere Bereiche der (sichtbaren) Insel-Kultur unterscheiden sich deutlich von anderen polynesischen Kulturen, eine Form von Urkommunismus ohne Hierarchien etwa in der Verteilung des Fischfangs auf die Familien oder der Gelder von der neuseeländischen Verwaltung an die Männer, die gemeinnützige Arbeiten wie Palmen fällen oder Kokosnüsse sammeln verrichten; Unterschiede zwischen arm und reich sind nicht erwünscht, besonders Bedürftigen wird ein bezahlter Job zugeteilt.

In dieser Umgebung eröffnet die Lektüre eines unverhofft auf der Insel gelandeten deutschen Life­style-Magazins einen ganz ungewohnten Blick auf manche Absurditäten der westlichen Kultur. 

Anke Richters sehr ansprechender Schreibstil, die Fotos, die Kapitelgliederung nach Songs der tokelauischen Band „Te Vaka“ aus Neuseeland und nicht zuletzt die humorvollen Briefe des Inselarztes in seine deutsche Heimat - all das hat dazu beigetragen, dass ich das Buch erst nach der letzten Seite weglegen wollte!

Manchmal hätte ich mir allerdings gewünscht, etwas mehr vom nach außen hin nicht so sichtbaren Teil der tokelauischen Kultur zu erfahren, z.B. über Ahnen und Mythen. 

Dafür wirft Anke Richters Buch viele grundsätzliche Fragen auf über das „richtige“ Verhalten, wenn wir mit und in anderen uns fremden Gesellschaften leben. Gastfreundschaft und Heiterkeit der Tokelauer sind überwältigend, und Anke und ihr Mann haben sich in vielerlei Hinsicht angepasst, sich sogar an das stundenlange sonntägliche Herumsitzen in der Kirche gewöhnt. Aber muss man stumm daneben stehen, wenn Kinder geprügelt werden? Einmischung in die Angelegenheiten der Einheimischen ist auf der Insel tabu. Dennoch - als auf der Nachbarinsel ein Vater öffentlich seine l4jährige Tochter grün und blau schlägt und sich diese daraufhin das Leben nimmt, mischt sich die Arztgattin ein. Zum Missfallen ihrer Gastgeber, die Atmosphäre kühlt zunächst deutlich ab; am Schluss keimt aber doch Hoff­nung, dass ihr Einsatz für Kinder noch positive Nachwirkungen haben wird, 

„Dies ist kein wahres Buch über ein fremdes Land“, schreibt die Autorin. „Wären wir andere Menschen oder zu einem anderen Zeitpunkt in Tokelau gewesen, wäre auch unsere Geschichte eine völlig andere.“ Eine Erkenntnis, die sich auch manche Völkerkundler hinter die Ohren stecken könnten.

Ankes Abschiedstränen von Tokelau habe ich am Ende des Buches mitvergossen und dabei auch meinen eigenen Atoll-Jahren nachgetrauert, entsprechend subjektiv ist mein Lese-Eindruck, erinnerte mich doch vieles an eigene Alltagserlebnisse.

Nun steht für uns alle die Auseinandersetzung mit dem Thema „Klimawandel“ an - auch vor der Erkenntnis, welche Vielfalt menschlicher Lebensformen unwiderruflich verloren geht, wenn Atolle in absehbarer Zeit wegen des steigenden Meeresspiegels nicht mehr bewohnbar sein werden.

 Ingrid Schilsky, Hamburg

 

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