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Anke Richter

 

Tokelau - 200 Tage

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Süddeutsche Zeitung 26.5.03

 

Paradiesbericht  -  Anke Richter war in Tokelau

 

„Als endlich die grünen Umrisse von Atafu auftauchten, leuchtete ein Regenbogen über dem Wasser. Fliegende Fische begleiten unser Boot auf den letzten Kilometern. Ein gutes Omen.“

Wer hat den Südseeinseltraum noch nicht geträumt? Allerdings kennt kaum jemand die drei Atolle knapp unter dem Äquator. Eine Flugverbindung gibt es nicht, nur alle paar Wochen läuft ein Versorgungsschiff aus Samoa den Archipel an, Anreise drei Tage.

Schon die Namen der Inseln klingen nach pazifischer Idylle: Atafu, Nukunonu, Fakaofo. Tausendfünfhundert Polynesier leben in dem halb autonom, halb von Neuseeland verwalteten (und mehr schlecht als recht ausgehaltenen) Kleinstaat Weitab vom Tourismus.

Frank Küppers, seine Frau und ihr dreijähriger Sohn kommen nicht als Touristen. Küppers hat eine Stelle als Oberarzt an der Kieler Uniklinik gekündigt, um Inseldoktor auf Atafu zu werden. „Wir lechzten beide nach einer längeren Zivilisationspause, wir waren reif für die Insel“, sagt seine Frau, die Journalistin Anke Richter. Im Aussteigen auf Zeit hat sie Erfahrung, praktisch wie theoretisch. „Aussteigen auf Zeit“ hatte sie 1999 ihr erfolgreiches, unlängst aktualisiertes „Sabbatical Handbuch“ betitelt.

Doch sich als Backpacker durch Australien treiben zu lassen, ist eines – sich als Hausfrau, Mutter und Fremde, als einzige Weiße in eine schwer durchschaubar strukturierte polynesische Dorfgemeinschaft auf einer isolierten Tropeninsel einzugliedern, ein anderes. Von diesem allmählichen Prozess des Verstehens, der Anteil- und schließlich Stellungnahme berichtet Anke Richter in ihrem neuen Buch „Tokelau – 200 Tage“.

Frei von westlichem Überlegenheitsgestus und süßlicher Südsee- Verklärung porträtiert sie sensibel und facettenreich das Leben der Insulaner. Das gemächlich alltägliche, das arbeitsam gemeinschaftliche, das festlich ausgelassene. Aber auch das verborgen konfliktbeladene Zusammenleben einer Gemeinschaft im Zwiespalt zwischen dem Beharren auf Identität stiftender Tradition einerseits und der Zwangsläufigkeit, sich dem von außen eindringenden Neuen nicht verschließen zu können.

Ein irdisches Paradies ist Tokelau nicht. Dem steht schon der rigide Verhaltens- und Moralkodex der Missionskirchen entgegen. Oder das Beharren der Alten gegen die Wünsche der Jungen. Je deutlicher die latenten Widersprüche zutage treten, desto schwieriger wird der Autorin die selbst auferlegte Zurückhaltung der Außenstehenden. Als sich die Konflikte in tragischer Situation zuspitzten, mischt sie sich ein, wissend, dass sie eine Grenze überschreitet, hinter die sie nicht zurück kann. Und leidet daran.

Anke Richter erzählt so leicht und dicht, spannend und amüsant vom Leben auf ihrer Tropeninsel, zeichnet nuancierte Porträts der Insulaner und weiß ihren Text so sicher und effektvoll zu strukturieren, dass man als Leser bedauert, als nach sieben Monaten die Abschiedsstunde für die Familie des Inseldoktors schlägt. Der übrigens klinkt sich mit E-Mails an die Freunde daheim in den Text seiner Frau ein – und trägt mit seinen knappen, sarkastisch genauen Kommentaren nicht unwesentlich zum Lesevergnügen bei.

Ob Tokelau ein „Paradies“ ist, wie es im Untertitel des Buches heißt, stellt der Text zur Diskussion. Dass es ein „sinkendes“ ist, steht außer Frage: Durch den kaum sichtbar langsamen, aber steten Anstieg des Meeresspiegels infolge der Klimaveränderungen werden die flachen Koralleninseln des Pazifik eines Tages vom Ozean überspült sein. Die Tokelauer wissen um diese Perspektive. Und müssen damit leben.

 HANS–CHRISTOF WÄCHTER

 

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