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mare No. 37, April/Mai
2003 Paradiescreme.
Ein Südseeidyll mit Rissen.
Selbstversuch einer Aussteigerin „Wir
sahen die Kokospalmen rund um die
Häuser, ... keine
Geschäfte, keine Reklame. Auch die Geräusche
waren neu:
ein Gemisch aus Vogelzwitschern,
Meeresrauschen und Kinderlachen. Hinter den Häusern schimmerte türkisfarbenes
Wasser hindurch. ...
Atafu wirkte durch und durch
friedlich‘ So paradiesisch
beschreibt die Autorin Anke Richter ihre ersten Eindrücke von dem polynesischen
Atoll Atafu, das zum Südseestaat Tokelau gehört. Die einzige Verbindung zum
Rest der Welt ist ein kleines Boot, die MS „Tokelau“, die alle drei bis vier
Monate von Samoa aus vorbeikommt. Richters Ehemann Frank Küppers, ein Kieler
Mediziner, hatte sich auf eine Halbjahresstelle als Inselarzt beworben. Das war
die Gelegenheit für Anke Richter, im Selbstversuch das zu unternehmen, was sie
zuvor als Autorin des erfolgreichen Sabbatical-Handbuchs „Aussteigen auf
Zeit“ ihren Leserinnen und Lesern nur theoretisch nahe gebracht hatte. Also übersiedelte
sie mit Mann und dreijährigern Sohn für ein halbes Jahr in die Südsee und
berichtet nun in ihrem neuen Buch von ihren Erfahrungen. Die Erzählung lässt
sich leicht an, nimmt die Leserin in unterhaltsamem Plauderton mit auf die Reise
und lässt sie die Schönheiten und Erstaunlichkeiten des pazifischen
Insellebens mit entdecken. Das sehr ausführlich beschriebene, scheinbar
unbeschwerte Savoir-vivre der Insulaner weckt Sehnsüchte, den mitteleuropäischen
Alltag hinter sich zu lassen, seine Uhr abzustreifen, kein Handygeklingel mehr hören
zu müssen. Die Bilder, die die Autorin vom Inselalltag entwirft, erinnern ein
wenig an naive Malerei: farbenprächtig und sonnendurchflutet. Das Hauptabenteuer
der „Palagi“, der fremden Weißen, scheint auf dem Eiland vor allem darin zu
bestehen, die Isolation innerhalb einer unbekannten Welt auszuhalten und sich in
dem dort herrschenden Werte- und Regelkanon zurechtzufinden. Auf keinen Fall
wollen die Deutschen eine kolonialistisch-besserwisserische Haltung an den Tag
legen. Die Konsequenz ist, dass sie die nicht idealen Seiten des Insellebens
lange Zeit unhinterfragt hinnehmen. Das
Bild vom Paradies bekommt ganz allmählich Risse. Ebenso wie bei Anke Richter
und ihrem Mann wächst auch bei der Leserin das Unbehagen an der oberflächlichen
Süße einerseits und den strengen Hierarchien, der schulischen Disziplin und
der alles durchdringenden konservativ-christlichen Frömmigkeit andererseits,
die keine Empfängnisverhütung zulässt, aber Gewalt gegen Kinder. Mit der
Reflexion setzt auch die Subversion ein: Als Frank Küppers heimlich Kondome an
junge Tokelauerinnen ausgibt und die Autorin sich schließlich vor einer
Versammlung dagegen ausspricht, Kinder zu schlagen, atmet man auf. Bei allem
Respekt für die tokelauische Kultur wollen die zwei Deutschen ihre eigene
Sozialisation nicht verleugnen. |